Der Gedanke, ob angesichts der schwindenden Lebenszeit dies oder jenes zu tun sinnvoll sei, verdirbt die übrigbleibende Lebenszeit mit kleinlichen Erwägungen, statt sie in Sorglosigkeit zu retten.   Der Hitzetag, an dem man auf ein am ewig blauen Himmel auftauchendes Wölkchen wartet wie vor der weissen Leinwand auf den ersten Strich des Malers. Read more →

Beim Ansehen von Bildern des Malers Elstir bewundert Prousts Erzähler dessen Prinzip, keinen Unterschied zwischen besseren und schlechteren Sujets zu machen. „Die etwas gewöhnliche Person (…) empfängt auf ihrem Kleide das gleiche Licht wie die Segel der Boote; es gibt keine mehr oder wenige kostbaren Dinge, das ordinäre Kleid und das in sich selbst hübsche Segel sind beide Spiegel des… Read more →

Einige Minuten nachdem ich mich draussen hingesetzt habe, lassen sich die Vögel wieder herbei und suchen um mich herum nach Futter. Ich bin für sie berechenbar und ungefährlich, ein regloses Ding im Halbschatten.   Auf den dunklen Weiher legt die Abendsonne eine dünne Scheibe Licht, und gleichzeitig legst du auf unser Gespräch über einen sterbenden Freund einen hellen abschliessenden Satz. Read more →

Die Autorin schreibe, heisst es im Verlagsprospekt „mit beiden Beinen auf dem Gaspedal, ohne die geringste Hemmung (…), ohne Rücksicht, ohne Scham, ohne Bremse.“ Der Roman als Selbstmordbegleiter. (Dumont)   Der Gott des Neuen Testaments richtet mit Güte, der Gott des Korans mit Strenge. Zwei Spielarten des autoritären Prinzips.   Read more →

Die Welt wurde laut dem Talmud durch zehn Antriebe erschaffen, unter anderem durch Schelten – „denn es steht geschrieben: ‚Himmelssäulen schwanken und sind bestürzt vor seinem Schelten.’“ Read more →

Meldung des I-pads nach 5 Minuten Buchlektüre: „Glückwunsch, du hast dein heutiges Leseziel erreicht.“ Und heute rapportiert er: „Dein Rekord beträgt 11 Tage“, er meint die Buchlektüre in Folge. Seine Lesemotivation für mich: Ausdauer. Steigerung des Durchhaltevermögens.   Den ganzen Frühling hindurch habe ich jedes neue Blatt im Garten gezählt und jedem schiefen Stängel aufgeholfen, ohne dass es mir auch… Read more →

Proust über die Frauen: „denn Albertines Rede hatte bereits etwas so sinnlich Schmeichelndes, dass sie, beim blossen Sprechen schon, einen zu küssen schien.“ Etwas später: „Deswegen sind die etwas schwierigen Frauen, die man nicht auf der Stelle besitzt, von denen man nicht einmal gleich weiss, ob man sie jemals besitzen wird, die einzig interessanten.“  (Die Welt der Guermantes)   Ein… Read more →

Mitten in der Stadt wird sie von einem jungen Typen angespuckt einzig deshalb, weil sie alt (und eine Frau) ist. Dass man während des Lockdowns vermehrt Rücksicht auf Alte und Gefährdete nahm, hat umgeschlagen in Hass. Um jeden Preis muss nun die alte Ordnung wieder her.   Proust über die soeben gestorbene Grossmutter des Erzählers: „Auf dieses letzte Lager hatte… Read more →

Den ganzen Morgen erzählt die Mönchsgrasmücke eine Geschichte, und durchaus nicht immer dieselbe. Ich verstehe nichts, geniesse nur einfach das Zuhören, Rhythmus und Duktus, „das tief erregende in maass und klang“, wie Stefan George das Wesen der Dichtung umschrieb. Art pour l’art der Natur – der kleine Vogel als epischer Dichter.   Das Quarantänedasein befördert auf beängstigende Weise die Tendenz,… Read more →

Den ganzen Morgen erzählt die Mönchsgrasmücke eine Geschichte, und durchaus nicht immer dieselbe. Ich verstehe nichts, geniesse nur einfach das Zuhören, Rhythmus und Duktus, „das tief erregende in maass und klang“, wie Stefan George das Wesen der Dichtung umschrieb. Art pour l’art der Natur – der kleine Vogel als epischer Dichter.   Das Quarantänedasein befördert auf beängstigende Weise die Tendenz,… Read more →