Heftige Begegnung

Im vollbesetzten Tram, in das ich mit meinem Gepäck einsteige, hat es gerade noch einen Sitz frei, am Fenster neben einer jungen Frau. Ich bitte diese ans Fenster zu rutschen und mir ihren Sitz zu überlassen. Sie schüttelt den Kopf. Also bitte ich sie, mir Platz zu machen, damit ich auf den freien Sitz gelangen kann. Sie sagt laut und deutlich: No. Ich bin versucht, an ihre Beine zu fassen, die den Weg versperren, und sie ein Stück wegzuziehen, versage mir dies aber und sage stattdessen: Dann muss ich Sie eben stören. Bei diesen Worten hebe ich Fuss und Gepäck und steige ihr über die Beine.

Die junge Frau ist vermutlich verladen. Sie spricht vor sich hin und beginnt heftig an ihrem Handy zu manipulieren. Sie nimmt es in beide Hände und versucht es am Metallgestänge vor uns zu zerbrechen. Es gibt einen halblauten Knall. Aus dem Gefühl heraus, ich müsse sie vor sich selber in Schutz nehmen, sage ich zu ihr: Cool down! Sie wendet sich halb zu mir, und plötzlich gibt sie mir eine saftige Ohrfeige, mitten im vollbesetzten Tram. Mein erster Reflex ist, ihr ebenfalls eine auf die Wange zu kleben, den Ort habe ich mit raschem Blick ausgemacht, beherrsche mich jedoch und sage über die verrutschte Sonnenbrille hinweg auf Mundart, sie müsse jetzt aufpassen, sonst passiere etwas. Verstehst du? Am Tonfall wird sie erraten haben, welches die Botschaft war.

Nach einer Weile bemerke ich, dass sie mein Gesicht die ganze Zeit fixiert. Ich wende den Kopf und sehe sie auch an. Ich ziehe ich die Sonnenbrille aus und blicke ihr direkt in die Augen. Sie hält den Blick aus. Lange sehen wir uns an. Ein flüchtiges Lächeln zuckt um ihren Mund, einmal, zweimal. Aus dem Augenwinkel sehe ich, wie sie ihre Hand wieder in Anschlag bringt. Sie nähert ihre Rechte meinem Gesicht, und sehr zart streichelt sie meine Wange. Thank you!, sage ich. Dann ist unsere seltsame Kontaktnahme zu Ende. Als ich am Bahnhof aussteige, macht sie mir anstandslos Platz. Have a good day, sage ich. Sie antwortet nicht.