Der Krähenbaum

Als ich mich auf meinem Gang dem Krähenbaum nähere, verlassen einige der Saatkrähen die Äste. Dann viele. Schliesslich streichen alle weg, wohl zwei Dutzend, sie verteilen sich auf dem Acker. Nur eine bleibt sitzen, ich nenne sie bei mir die Erzählerin. Sie behält mich im Auge, kalkuliert die Gefahr, die von diesem menschlichen Wesen ausgeht, sie vertraut der eigenen Beobachtung mehr als der Gruppenmeinung. Ihre geduckte Haltung, die leicht offenen Flügel verraten die unmittelbare Bereitschaft zur Flucht. Aber sie flieht nicht ohne Grund, sie will wissen, was unter ihr vorgeht. Ich passiere den Baum, blicke nach einigen Metern in seine Krone zurück. Sie hat die Lage richtig eingeschätzt, es ist ihr nichts geschehen. Sie sitzt mit geschlossenen Flügeln an ihrem Platz, um eine Erfahrung reicher, während die andern ihre Angstschwelle um keinen Grad verschoben haben.

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