Ein Buch zur Zukunft

Das einzige Buch zur Zukunft, das ich besitze und an das ich glaube, gleichermassen Utopie und Dystopie, gleichermassen angsteinflössend und Zuversicht spendend, ist meine Agenda. Jedes Mal, wenn ich sie zur Hand nehme, schaue ich dem Schicksal ins Maul, sehe ich kommende Ereignisse voraus, ja lege sie selber fest mitsamt Zeitpunkt und Ort des Geschehens. Ich bin jederzeit frei, dem… Read more →

Der alte Bauer ist mit seinem Sohn den Weg herab gekommen, um den Bach anzuschauen, den er zum ersten Mal in seinem langen Leben diese Nacht gehört habe. Das Bächlein ist unter den Bäumen normalerweise kaum zu sehen. Auch von den andern Rinnsalen her, die den Nordhang des Mont Terri durchfurchen, ist ein vielstimmiges Rauschen zu hören. Zum ersten Mal… Read more →

Von der Lektüre aufblickend ein vorbeifliegender Vogel, der rasch aus dem Fensterfeld verschwindet. Als die Augen, vom Licht der hellen Wolken geblendet, wieder zu dem offenen Buch zurückkehren, steht ein Falke als dunkler Umriss auf der Seite. Darunter ein Zitat von Gerhard Meier, der die Wolken über dem Jura beschreibt als „ein abrollendes abstraktes Gemälde von riesigem Längenmass“. Dann ist… Read more →

Inzwischen tragen fast alle Leute, die man auf der Strasse sieht, am auffallendsten die Männer, einen Bauch vor sich her, als wären sie schwanger, und der Bauch setzt sich seitlich als Wülste gegen die Lenden zu fort. Genauso wie ihr Leib hat auch ihr nationalkonservativer Sinn Ausstülpungen, die sie in ihrer geistigen Beweglichkeit hindern und ihnen das Bücken schwer machen,… Read more →

Friederike Mayröcker ist gestorben, eine literarische Institution, die wie seit Jahrhunderten zwischen ihren Blättern, Schallplatten, Büchern über die Schrift wachte und sich ununterbrochen in Sprache auflöste mit allem, womit sie gerade zugange war, was sie gerade fühlte, dachte, las. Sie war eine Membran, in der Leben in Sprache, Sprache in Leben überging und an der sie sich gleichzeitig teilten. Wir… Read more →

Siamesisch

Zwei, die im Lauf ihrer langen Beziehung an Arm und Schulter zusammengewachsen sind. Was der eine sieht, sieht auch der andere, wo die eine hingeht, geht auch der andere hin. Ihre freien Hände helfen sich gegenseitig. Sie kommen gut voran. Zeitweise vergessen sie, dass sie zu zweit sind. Und auch, wohin sie eigentlich unterwegs sind. Zwei, die an der Schulter… Read more →

Statt mit meinem Tun zu beginnen, studierte ich heute Morgen als erstes ein Gratinrezept und lud es herunter. Es war keine gute Idee, sie verstiess gegen die Regeln des Schreibmorgens. Seither sind meine Sinne verbacken, die inneren Gefässe gleichsam mit Vollrahm gefüllt.   „Können Sie trotz der Einschränkungen Ihrer Kunst nachgehen?“ „Ja, weil ich wohl wie eine Wolke funktioniere: sich… Read more →

Mit dem abgebrochenen Stil eines Pinsels stosse ich kleine Setzlöcher für die Kürbiskerne in die Erde. An die Stelle der Pinselhaare kommen jetzt die Kerne zu liegen, denen die kreative Natur bald ein Keimblatt einzeichnen, einen Stil geben und sie mit grossen rundlichen Körpern umgeben wird.   Das bordunartige Schlaflied der Stare um Mitternacht auf ihrem Ruhebaum, ein Knistern, Zischeln,… Read more →

Der sonore, erdhaft tiefe, orgelnde Ton der Maulwurfsgrille könnte einen mit dem Schaden, den sie im Untergrund unter dem Decknamen Werre an den Wurzeln des Gemüses anrichtet, beinahe versöhnen.   Die Staffeln der Mauersegler jagen über den Shopperinnen, den Schnorrern an den Tischchen, den Bettlern, den Strassenmusikanten, den für Eis anstehenden Pärchen über den Strassen dahin, lassen ihre gellende Schreie… Read more →

Zurzeit gibt es in den Kirchen wegen Corona kein Weihwasser. In den Becken oder auf deren Rand dafür Desinfektionsflüssigkeit für die Hände. Das ist selbst für Gläubige die sicherere Variante.   Der Wind hat in den letzten zwei, drei Jahren zugenommen, sagt P., der mir die Haare schneidet. Ein seltsames Gefühl, dass das kleine Geschehen auf meinem Kopf begleitet wird… Read more →