Die Matthäuspassion hält jedes Mal einen Schluchzmoment bereit, stets an einer andern Stelle. Gestern war es in der Schlafszene der Jünger. Jesus muss sie an den Ernst der Situation erinnern, daran, dass er leidet. Der Covidkranke in der Intensivstation, den Tod vor Augen, der sich die Angehörigen herbeiwünscht, die ihn vielleicht schon fast vergessen haben.   Eine Fliege hat sich… Read more →

Einen Tag lang keine Rolle spielen. Sich nichts vornehmen, nichts erwarten. Niemanden sehen. Tun, was sich ergibt. Die Zeit dahin fliessen lassen. Karfreitag, der Tod der Struktur. Und gleich schon Ostern, Auferstehung des Zufalls, der Lust, Triumpf der Molluskel über den inneren Athleten.   Es gibt zwei Wege, ganz bei sich zu sein. Der eine ist die Meditation. Der andere,… Read more →

Wieder nimmt der Hausrotschwanz, zurückgekehrt von seiner Reise, seinen Platz von vordem auf dem rostigen Pfahl dort ein, als werde ein Theaterstück, das eine Saison lang abgesetzt war, in gleicher Inszenierung wiederaufgenommen, mit unveränderter Kulisse, mit demselben Protagonisten.   Von den fallenden Blütenblättern, die in der Sonne aufleuchten wie Meteore, hält ab und zu eines im Flug ein, kehrt um… Read more →

Verschobene Liebe

Jetzt sind die Regentropfen und die Knospen am Zweig des Schwarzdorns gerade gleich gross. Sie bleiben getrennt nebeneinander; sie mischen sich nicht, das Volk der Luft und das Volk des Bodens. Erst in einiger Zeit werden die einen via Erdreich, Wurzeln, Äste, Zweige zu den andern gelangen und mit ihnen eins werden. Read more →

Die Elstern fliegen hin und her hin und her. Sie flechten im Baum ein Nest und weben zugleich weben geduldig ihre Muster ihre unsichtbaren Muster in die Kettfäden des Regens.   Gott ist das perfekte Verständigungsmittel, wenn es darum geht, sich mit einem Gläubigen zu unterhalten. Jahwe, Allah, Christus, egal. Wichtig ist jetzt nicht, Gott zu verstehen, sondern den andern,… Read more →

Die lange, hohe Mauer, die dir keine andere Wahl lässt, als an ihr entlangzugehen, von Lichthof zu Lichthof, von Dunkelzone zu Dunkelzone, bis eine Querstrasse dich vom eintönigen Marsch erlöst und du unschlüssig bist, dich nach links oder nach rechts zu werden, um dem nächtlichen Vorstadtlabyrinth zu entkommen – die lange, hohe Mauer kommt dir angesichts dieses Dilemmas vor wie… Read more →

Der Fluss liegt reglos glatt, seine Oberfläche ist aus grauem Schiefer. Ich erschrecke, als zwei Schwäne aus ihrer Versteinerung erwachen und den Schiefer mit Rumpf und Flügeln in einer langen Schneise gewaltsam aufbrechen.   Ein Rabe fliegt übers Dach, kehrt um, fliegt übers Dach zurück, und ich bin erleichtert, dass ich ihm zusehen kann, ohne darin eine Logik oder eine… Read more →

Kann man beim ewig gleichen Blick aus dem Fenster blind werden? – Ja, wenn sich nichts mehr im Blickfeld ereignet. – Aber draussen ereignet sich doch immer etwas? – Die Blindheit besteht darin, dass man glaubt, alles gesehen zu haben. Der Glaube raubt die Sicht.   Wie elektrisiert springt die Katze, die sie sich auf der Strasse geräkelt hat, hoch… Read more →

Der Bussard ritzt mit seiner Flügelspitze einen Kreis in den Himmel, noch einen und noch einen. Er schneidet runde Stücke aus dem Tag, alle gleich, dreissig Sekunden gross. Ich sehe ihm zu. Er schneidet meine Zeit aus dem Himmel. Read more →