Im Buchladen beim Durchblättern von Neuerscheinungen. Ich höre mir den Beginn einer Familiengeschichte an und klappe das Buch zu. Ich lausche in einen Dialog hinein, beobachte zwei bei einem Liebesakt, lege das Buch zurück. Ich fühle mich als Abwehrender, als Zögernder. Und möchte doch nichts lieber sein als einer, den ein Buch wie ein Höhlenbär in seine Höhle zieht und… Read more →

Es gibt Tage, die sich dagegen sträuben, dass ich in sie eintrete. Ich muss mich umständlich ausweisen, durch Geduld, Demut, Neugier. Ich kann den Tag auch erstürmen, indem ich ihn mit Taten und Terminen erobere. Das ist leicht zu arrangieren, doch ich riskiere dabei, dass die Verbindung reisst. Entweder die von mir zu ihm oder die von mir zu mir.… Read more →

Zu Beginn des Unterrichts, wenn die Studenten gespannt dasitzen, im Zimmer Ruhe eintritt und ich überlege, mit welchen Worte ich beginnen soll, ist alles herrlich offen. Wir könnten über Politik reden, über die Schwierigkeiten des Schreibens, ich könnte eine Seite aus dem neuen Roman von Julian Barnes vorlesen. Ich höre mich den ersten Satz zu den Studenten sprechen, und der… Read more →

Im Gerenne und Gedränge des Bahnhofs der wartenden Freunde ansichtig werden, so wie man auf einer Wiese nach langem Suchen ein vierblättriges Kleeblatt findet: das Versprechen nahen Glücks.   Eilen auf den Bus, als ob das Gelingen des Tages davon abhinge ihn noch rechtzeitig zu erwischen. Gefühl der Erleichterung, als er vor der Nase abfährt: Der Tag hat noch andere… Read more →

Auf dem über 1000 Kilometer langen Shikoku-Tempelweg habe sie am 40. Tag einen älteren Pilger getroffen, der den Weg schon zum vierten Mal mache. Warum er sich das antue, habe sie ihn gefragt. Er sagte, er wisse es nicht. Wenn er es wüsste, würde er aufhören.   Das Schachspiel: ein beharrlicher Kampf gegen den Zufall mit dem Ziel, den Zufall… Read more →

Er hat Mühe, die Dinge mit ihrem Namen zu benennen, er vergisst sie fortlaufend. Er spricht von jenem „weissen Ding“, von jener „Pflanze“ dort, mit ihm bleibt man im Ungefähren. Eine Box aus Styropor wird erst zu einer Box aus Styropor, wenn er sie herumträgt. Was andere mit Sprache erschaffen, erschafft er taktil, in seinen Händen wachsen die Dinge zu… Read more →

Mein Unwille Bettlern gegenüber, die mich unvermittelt ansprechen, bevor ich noch Zeit habe, meine mitmenschlichen Gefühle zu aktivieren. Diese Härte, die ich Minuten später bereue, wenn das Mitgefühl allmählich erwacht sein wird. Verspätung und Umleitung des ICE auf der Rückfahrt wegen „Personen im Geleise“ (so auch in verschiedenen Internetmeldungen). Die Fachsprache eines im öffentlichen Sektor tätigen Unternehmens, die keine Anstrengung… Read more →

Im Club. Die Besucher weitgehend ausgezogen, Kettchen, Strapse, teils mit Lederzeug drapierter nackter Oberkörper, freundlich, auf mögliche Partner aus, andere in den Ecken zu zweit schmusend oder im Halbdunkel kopulierend. Man gibt sich Mühe, möglichst entspannt zu wirken, tauscht Belanglosigkeiten aus, hinter dem Amüsement lauert die Langeweile. Die Augen reden von ihr, der unruhige, abgelöschte Blick, der durch dich hindurchgeht,… Read more →

Auf meine Frage, ob er noch immer nachtwandle, erzählt S., neulich sei er in einer Vollmondnacht draussen vor seiner verschlossenen Wohnungstür im Nachtgewand gestanden. Er war schlafend hinausgewandelt, hatte sich ausgesperrt, die Tür war ins Schloss gefallen. Wahrscheinlich war er davon aufgewacht. Zufälligerweise habe seine Tochter bei ihm an diesem Tag übernachtet, die ihn, schlaftrunken, auf sein Klingeln hin aus… Read more →

Berlin, Jüdisches Museum, Installation „Aural“ von James Turrell. Der Raum, in dem das Licht unmerklich seine Farben und seine Intensität wechselt, hat keine sichtbaren Kanten. Es gibt in ihm keine Objekte, er wirkt ohne Grenzen. Das Raumgefühl löst sich nach einigen Minuten auf, die Zeit steht still, man glaubt zu schweben. Erst im Nachhinein, wenn man wieder ausserhalb ist, merkt… Read more →