Der wimmernde und nörgelnde Täufling verstummt auf einmal, als der Pfarrer ihm die Hand über den Kopf hält und ihm mit dem taufwasserbehängten Daumen dreimal das Kreuzzeichen auf die Stirn macht. In dieser Minute erhöhter Festlichkeit ist er ganz ruhig, auch das Geplapper der anderen Kinder wird leise in den Bänken. Erst nach dem Ritual, als der Pfarrer sich abwendet,… Read more →

Die Wartenden auf der Notfallstation des Basler Unispitals gehen den anderen nur ungern aus dem Weg, vor allem dann, wenn ihnen diese mit Krücken oder im Rollstuhl entgegen kommen. Sie waren eben noch unterwegs oder an einer Party und haben nicht das Gefühl, zu den Patienten zu gehören. Noch schützt sie der Glaube, nur aus Irrtum hier zu sein. Read more →

Déjeuner sur l’herbe.

Der Sperber hält die Beute, nachdem er sie geschlagen hat, eine Weile in seinen Fängen, sitzt unbeweglich und aufrecht auf ihr am Boden, als spüre er dem Puls des sterbenden Sperlings nach, als brauche er diesen Kick für seinen Appetit. Er beginnt aus dem toten Körper das Fleisch heraus zu ziehen, zu zerren, zu hacken, dass im Wortsinn die Federn… Read more →

Der Fuchs heute Nacht, im Gras mehr zu erahnen als zu sehen, wahrnehmbar nur als Bodenunruhe, als Wellung des Grundes, die gleich wieder verebbte. Teile der Nacht hindurch saß, lag, stand, ging ich in den Gewölben des Eisenwerks von Mariupol herum, der Detonation russischer Granaten ausgesetzt, mit dem trotzigen Nein zur Kapitulation in der Kehle, das mich seit den Abendnachrichten… Read more →

Gelegentlich scheint es mir, ich sei nur der Vorläufer des Besuchers auf der Welt, der ich eigentlich wäre. Einer, dessen Aufgabe darin besteht, für den andern den Weg zu erkunden. Auf der Zündholzschachtel ein Bild von Schanghais Hochhäusern, fotografiert von oben im Abendlicht. Als ich das Streichholz entzünde, ist mir auf einmal, das Licht komme nicht von der Sonne, sondern… Read more →

Die Fernsehberichterstattung, auf Bildmaterial angewiesen, bringt zu Ukraine-Nachrichten oft ältere, längst bekannte Aufnahmen: der zerbombte Kindergarten in Mariupol, die Kirche zu Donezk, neuerdings die Leichensäcke von Butscha. Die Gewalt der archivierten Kriegsbilder ist jetzt, wo eine Umbaupause in den beiden Armeen im Gang und gerade nichts Spektakuläres zu vermelden ist, der Kitzel, der das Nachrichtengeschäft am Laufen hält.   Read more →

Angesichts der verheerenden Zustände, welche die vorrückende ukrainische Armee ausserhalb von Kiew findet, wird einem bewusst, dass die Kriegsberichterstattung stets aus den Zentren erfolgt. Die „Explosionen in der Ferne“, die „Einschläge nördlich von …“ klingen harmlos, solange man nicht weiss, was sie anrichten. Man muss aus Kriegsnachrichten das Furchtbare stets mit einer grossen Portion ergänzender und vervollständigender Fantasie herauslesen und… Read more →

Die Russin, die verhaftet wurde, weil sie in der Öffentlichkeit einen Karton vor sich her trug, auf dem nichts stand. In gewissen Situationen ist das Nichts von magischer, unbesiegbarer Wucht.   Ein Spinnenfaden zieht sich quer übers Fenster, als hätte dieses einen Sprung. Anders als mit diesem Makel wäre der Anblick des sonntäglich ruhigen Tages im Moment nicht zu ertragen.… Read more →

Täglich muss man sich neu kalibrieren. Was gestern galt, ist heute obsolet. Die NATO war für mich bislang eine Gruppe von kriegsbegeisterten alten Herren, die Sandkastenspiele liebten und ihre Macht nach Osten auszudehnen trachteten. Über Nacht ist aus diesem Gremium und diesem militärischen Potenzial eine Schutzmacht geworden, um deren Hilfe die westeuropäischen Länder betteln. Pazifismus war für mich eine Haltung,… Read more →

In einer Wohnung in einer ukrainischen Stadt steht ein Instruktor mit zwei Frauen, beide in Zivil, ein Gewehr ungelenk in der Hand, gepflegte Haut , lackierte Fingernägel, gestern in einem Job tätig, ab heute Partisaninnen, von der Disco kommend in den Krieg hineingestossen.   Putin vernichtet nicht nur ganze Städte, verheert Landschaften, tötet Menschen, macht sie zu Krüppeln, sondern er… Read more →