Autor: Rudolf Bussmann

Die Brille, nach der ich in allen Winkeln, Schubladen, Jacken und ja, auch auf der Nase suche, liegt dann auf dem Buch, das ich bereitgelegt habe, dort hingetan von routinierter, vor lauter Routine unaufmerksam gewordener Hand. Gelegentlich holt mich Peter Handke, der sich in seinen Notizen durch Jahre und Jahre fortschreibt, bei meiner Lektüre ein wie gerade jetzt zu seiner… Read more →

Der Garten, bevor noch ein Same ausgesät, ein Setzling gepflanzt ist, liegt da als sattes Versprechen, als konkrete Utopie, in reiner Potentialität, die handfest reell ist und eine Verwirklichungsrate urgeschichtlichen Ausmasses in sich trägt. Der ununterbrochen wirbelnde, drehende, orgelnde, sich emporwindende Gesang der Lerche als Beruhigung und Bestätigung: es geht weiter, es wird, muss, soll, darf weitergehen. Stiller Teilhaber des… Read more →

Wie ein kleiner Schatten, zum Beispiel der meine, im grossen Schatten eines Hügels verschwindet als in einem unermesslichen Reich ohne Unterschiede, und wie dieses seinen unzähligen Bewohnern je nach Lichtverhältnissen dann auch wieder ihre volle Souveränität zurückgibt. Sie ist verrückt nach Goldammern. Kaum sieht oder hört sie eine, reisst sie den Feldstecher hoch und sucht sie wie andere Gold suchen,… Read more →

Das Team aus Archäologen vor der aufgerissenen Strasse, es betet, über den Graben gebeugt, ein mittelalterliches Fundament aus dem Boden. Eine durchhustete Nacht ist weit schlimmer als eine schlaflose: In dem von den Hustenanfällen durchgeschüttelten Körper können sich keine Bilder entfalten. Geduldig, gefasst, gleichmütig, tolerant wie ein Bleistift. Read more →

Sie sei, sagt sie am Telefon aus dem Krankenhaus, oben am steilen Strässchen gestanden und habe mit ihren Krücken mutig den Abstieg in Angriff genommen, da sei sie ausgerutscht und gefallen. Ich folge ihrer Schilderung ganz und gar. Hinterher fällt mir ein: in ihrer Umgebung hat es keine steile Stelle, die Gegend ist topfeben. Read more →

Ein Video zeigt Alberto Giacometti in seinem Atelier. Giacometti arbeitete nicht, wie man annehmen könnte, indem er die Körperlichkeit seiner Figuren immer weiter reduzierte, bis kaum mehr etwas von ihnen blieb. Vielmehr klebte er sein Material an einen nackten aufrechten Draht und bearbeitete es mit den Fingern. Er drückte es zurecht, brachte neues dazu, knetete es, bis er mit der… Read more →

Die Manifestation

Die Place de la République in Paris kündigt sich im Näherkommen mit dem hohen Ton des Aufruhrs an. Von weiten ist eine Ansammlung auszumachen, die sich als Demo herausstellt. Eine schrille weibliche Megaphonstimme gibt einen Slogan vor, den die Demonstrant:innenen litaneiartig wiederholen. Der Chor auf dem Platz ist präzis und schlagkräftig, seine Mitglieder scheinen die Sätze genau zu kennen. Eine… Read more →

Am Schreibtisch finden meine Selbstgespräche auf Hochdeutsch statt, sonst auf Mundart. Frankreich will eine deutliche Vermehrung seiner Atomsprengköpfe. Frankreich? Präsident Macron. „J’ai décidé de …“ sagte er in seiner Rede auf der Militärbasis der Île Longue bei Brest. Ein einzelner Mann befindet über Milliarden Euro, über Krieg und Frieden eines Landes, eines Kontinents. Demokratie? War es je eine? Der Fuchs… Read more →

Und der Hydrant dort über dem Strässchen, nickt er? Er staunt mit seinem grossen Auge, das auch Nase und Mund ist. Die Vorliebe des Morgenschattens für scharfe Grenzen. Er begradigt, lässt Details und Feinheiten weg, schafft klare Verhältnisse. Wobei – er ist jederzeit bereit, die Grenzen zu verschieben, einzuziehen oder ganz aufzuheben. Read more →

Elsterntanz

Eine Elster versucht, aus einer Ritze im grobgezimmerten, aus senkrechten Latten gefertigten Scheunentor mit ihrem Schnabel etwas herauszuziehen, was sich dort verklemmt hat. Sie flattert hoch, will sich irgendwie festkrallen, pickt in die Ritze, flattert auf den Boden zurück, dann gleich wieder hoch, hakt sich mit den Krallen im Holz fest, pickt von der Seite her, gleitet zu Boden, pickt… Read more →