Die Manifestation

Die Place de la République in Paris kündigt sich im Näherkommen mit dem hohen Ton des Aufruhrs an. Von weiten ist eine Ansammlung auszumachen, die sich als Demo herausstellt. Eine schrille weibliche Megaphonstimme gibt einen Slogan vor, den die Demonstrant:innenen litaneiartig wiederholen. Der Chor auf dem Platz ist präzis und schlagkräftig, seine Mitglieder scheinen die Sätze genau zu kennen. Eine Weile werden dieselben Worte in rascher Folge wiederholt, dann wechselt der Rhythmus und es geht wie in einem Jazzstück in einem anderen weiter, wobei der Wechsel dem Chor keine Mühe bereitet. Die Stimme hört auf einmal auf, es entsteht eine genau kalkulierte Stille, in die eine männliche Stimme tritt, die kurze, wiederum rhythmische Slogans ruft. Der harte Kern der Manifestierenden ist eng um die beiden Megaphonstimmen geschart, die hinteren Ränge der vielleicht dreihundert Menschen sind etwas lockerer, fast alle tragen Fahnen identisch in Grösse und Aussehen, was darauf schliessen lässt, dass es sich um eine Community handelt.
Etwas abgesetzt von ihnen steht die Gruppe von Aktivisten, die es bei solchen Anlässen unvermeidlich hinzieht, die uniformierte Polizei.
Die männliche und die weibliche Stimme fallen jetzt in einen Wechselgesang, der alternierend aus Sätzen besteht, die denselben Rhythmus haben, vielleicht auch Frage und Antwort sind. Sie steigern sich in eine Lautstärke hinein, die selbst für den Weggehenden, der schon in den Boulevard St. Martin eingeschwenkt ist, etwas Schmerzhaftes hat und einem Schreien nahekommt. Ihre Botschaft nimmt die Form einer dringlichen Forderung oder Wutäusserung an, in die sich, je lauter sie vorgetragen wird, desto deutlicher der Tonfall von Verzweiflung mischt. In die auf Französisch vorgetragene Forderung „Libérez les prisonniers!“, die jede Sequenz abschliesst, fallen die Demonstrant:innen wie auf Kommando ein.
Eine Weile geht der Wechselgesang fort, dann übernimmt der Mann wieder. Er skandiert einen Satz, den er mit zunehmender Emphase vorträgt. Es muss eine sehr dringliche Botschaft sein, wohl eine ultimative Forderung, die er mit steigender Intensität vorbringt, bis sich seine Stimme überschlägt. Je öfter er sie wiederholt, desto mehr nimmt sie den Charakter einer Utopie an, die sich nicht sofort, nicht mit Worten allein, nicht von dieser Community lösen lässt. Sie wird zu einem Appell an eine übergeordnete Macht, einen säkularisierten Gott, eine schmerzlich fehlende Instanz, die den Konflikt lösen müsste. Die Stimme wird im Weitergehen leiser wie ein sich langsam ausblendendes Stück Musik. Sie scheint mit ihrem nicht enden wollenden Insistieren etwas Bestimmtes einzufordern, das nicht zu bekommen ist. Und das mit jeder Anrufung ferner rückt.