Vielleicht Bohnen

Es ist kurz vor Ladenschluss, ich bin in Eile, weil ich noch mein Abendessen einkaufen muss. Da läuft er mir über den Weg. Auf sein „Wie geht’s?“ antworte ich mit einem kurzen „Gut. Und dir?“ und halte auf den Eingang des Einkaufszentrums zu.

„Gottlob etwas besser“, sagt er und bleibt vor mir stehen. Ich hüte mich, nachzufragen, was er damit meint. Ich habe ihm bereits eine Frage zu viel gestellt. Eigentlich war es eine Floskel, die in Form einer Frage daherkam, von der er nun das Recht ableitet, von sich zu erzählen. Von seiner Krankheit. Er beginnt ganz am Anfang, bei den ersten Symptomen, denen er keine Beachtung schenkte. Seine Frau habe schliesslich darauf bestanden, dass er zum Arzt gehe. Der Arzt habe ihn dem Spezialarzt überstellt. Dieser habe die Einweisung ins Krankenhaus veranlasst.

Ich stelle mich so hin, dass ich die Uhr vor dem Uhren- und Schmuckgeschäft im Auge behalte. Der Ablauf seiner Krankenzeit und die verrinnende Zeit bis Ladenschluss stehen in einem Wettlauf mit ungewissem Ausgang. Um den Bekannten nicht unnötig zu ermuntern, schweige ich, falle ihm nicht in die Pausen, die er einlegt, antworte nicht auf seine rhetorischen Fragen. Ich stelle auch das anfängliche Nicken ein.

Die Uhr läuft. Die Krankheit zieht sich hin. Es gibt Komplikationen. Sein Sohn taucht auf, fährt ihn mit seinem Wagen in die Reha. Es bleiben noch wenige Minuten. Es wäre unhöflich, ihn im Moment zu unterbrechen, wo er einen Rückfall kriegt. Ich überstehe die zweite Operation, werde in den Streit zwischen seiner Frau, seinem Sohn und der Krankenkasse hineingezogen. Ich suche nach dem richtigen Wort, das mich aus der Klinik, in die er erneut eingeliefert wird, zurück auf die Strasse führt.

Warum erzählt er das ausgerechnet mir? Warum gerade jetzt? Ich beginne mich über meine Unfähigkeit, mich zu verabschieden, zu ärgern. Dass er keine einzige Frage nach mir, meiner Befindlichkeit, dem Grund, warum ich unterwegs bin, gestellt hat, verkürzt den Abschied.

Ich haste davon. Es gelingt mir, den Angestellten, der an der Tür zum Einkaufszentrum niemanden mehr einlässt, von der Dringlichkeit meines Einkaufs zu überzeugen. Mein Bekannter hat, wird mir zu Hause bewusst, seine Geschichte gar nicht mir erzählt, sondern irgendeiner Zufallsbegegnung. Während ich in der Küche meine Mahlzeit zubereite, hat er unser Gespräch bereits vergessen, erzählt einer anderen Person, die er einige Hundert Meter weiter angetroffen hat, von seiner Krankheit.

Dass er sich nicht nach meinem Ergehen erkundigt hat, finde ich nun, wo die Zeit wieder mir gehört, empörend egoistisch. Der Ärger auf mich verfliegt und wendet sich ihm zu. Ich versuche mich zu erinnern, mit welcher Krankheit er mich auf der Strasse überfallen hat, komme aber nicht mehr darauf. Mein Gedächtnis nimmt stille Rache an ihm, es hat die Anteilnahme aus mir gelöscht.

Wie lieblos ich bin! Dass ich dem Leidenden so wenig Aufmerksamkeit schenkte, erschreckt mich und verdirbt mir den Appetit.

Ein Tag später. Während ich dies schreibe, versuche ich mir in Erinnerung zu rufen, was ich gestern Abend eingekauft und mir anschliessend gekocht habe. Ich komme nicht drauf. Ich gehe das Angebot in der Lebensmittelabteilung durch, vergebens. Bohnen vielleicht.

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